Muskeltonus heißt der Spannungszustand, den ein Skelettmuskel selbst bei völliger Entspannung behält. Masseurinnen und Masseuren sowie medizinischen Bademeisterinnen und Bademeistern begegnet er an drei Stellen: im Tastbefund vor der Massage, als Leitsymptomatik auf der Verordnung und in der Heilmittel-Richtlinie als Ziel der Klassischen Massagetherapie. Eine verbindliche Definition fehlt. Fachveröffentlichungen führen den Tonus auf nervale Steuerung und auf mechanische Eigenschaften von Muskel und Faszie zurück. Für die Arbeit ist er eine Befundgröße, die in Behandlungsplan und Dokumentation eingeht.
Muskeltonus im Heilmittelkatalog
Der Heilmittelkatalog der Heilmittel-Richtlinie (zuletzt geändert am 15.05.2025, in Kraft seit 05.08.2025) führt den Tonus unter „Schädigung/Störung der Muskelfunktion“ in mehreren Diagnosegruppen. Ob dort eine Massage vorgesehen ist, hängt von der Gruppe ab:
| Diagnosegruppe | Tonus im Katalog | Massagetherapie |
|---|---|---|
| WS Wirbelsäulenerkrankungen | „des Muskeltonus“ | vorrangig: KMT, UWM, Segment-, Periost-, Bindegewebsmassage |
| EX Erkrankungen der Extremitäten und des Beckens | „des Muskeltonus“ | vorrangig wie WS |
| ZN ZNS-Erkrankungen einschließlich des Rückenmarks / Neuromuskuläre Erkrankungen | spastische Tonuserhöhung, Hypotonie | nicht vorgesehen; ergänzend Wärme, Kälte, Elektrotherapie, Elektrostimulation |
| PN Periphere Nervenläsionen / Muskelerkrankungen | Hypotonie | nicht vorgesehen; ergänzend Wärme, Kälte, Elektrotherapie, Elektrostimulation |
| GE Arterielle Gefäßerkrankungen | Muskelverkürzungen, Muskelverspannung | nicht vorgesehen; ergänzend Wärme, Kälte |
Für die Klassische Massagetherapie formuliert die Richtlinie ein Ziel, keine Zusage. Nach § 18 Abs. 2 Nr. 1 verfolgt sie „das Ziel einer Normalisierung des Muskeltonus“; daneben nennt die Vorschrift Schmerzen, Durchblutung und Entstauung. Die Leistungsbeschreibung zum Vertrag nach § 125 Abs. 1 SGB V (Lesefassung gültig ab 01.12.2024) führt für die Position X0106 als Therapieziel „Regulation des Muskeltonus“.
Das Schaubild vergleicht drei Gruppen des Heilmittelkatalogs. Bei Wirbelsäulen- und Extremitätenerkrankungen (WS, EX) steht der Muskeltonus als Leitsymptomatik, Massagetherapie ist ein vorrangiges Heilmittel. Bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZN) nennt der Katalog spastische Tonuserhöhung und Hypotonie, bei peripheren Nervenläsionen (PN) die Hypotonie; Massage ist dort nicht vorgesehen. Ergänzend nennt der Katalog in allen drei Gruppen Wärme, Kälte und Elektrotherapie.
Was hinter Hypertonus und Hypotonie steht
Die Begriffe im Katalog stehen für sehr unterschiedliche Befunde. Bei Wirbelsäulen- und Extremitätenerkrankungen nennt der Katalog den Tonus ohne nähere Angabe. Im Tastbefund kann sich erhöhte Spannung örtlich zeigen, etwa als tastbar gespannter Strang, den Hartspann, oder als umschriebene Verhärtung, die Myogelose. Die Leistungsbeschreibung nennt bei der Unterwasserdruckstrahlmassage „Muskelverspannungen, muskulärer Hypertonus“ als Schädigung.
Die spastische Tonuserhöhung der Gruppe ZN hat eine andere Herkunft. Nach der S2k-Leitlinie „Therapie des spastischen Syndroms“ (AWMF-Registernummer 030-078, überarbeitet am 01.12.2024, gültig bis 30.11.2029) ist Spastik ein „gesteigerter, geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand der Skelettmuskulatur“, der nach einer Schädigung absteigender motorischer Bahnen in Gehirn oder Rückenmark auftritt. Auf gesteigerte Muskeldehnungsreflexe ist die spastische Tonuserhöhung laut Leitlinie nur zu einem geringen Grad zurückzuführen. Am häufigsten wird sie in Studien mit der Ashworth-Skala oder deren modifizierter Fassung eingeschätzt. Diese Skalen erfassen den „Widerstand gegenüber passiver Bewegung“, den neben neurogenen Tonusänderungen auch eine muskulär bedingte Steifheit verändern kann.
Das Gegenstück ist die Hypotonie der Gruppen PN und ZN. Fällt die Nervenversorgung eines Muskels vollständig aus, entfällt sein Tonus, und es entsteht eine schlaffe Lähmung. Wie die Hand Spannung und Konsistenz ertastet, beschreibt der Eintrag Palpation.
Muskeltonus in der Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister
Ein Fach Muskeltonus kennt der Lehrgang nicht. Anlage 1 MB-APrV (Verordnung zuletzt geändert am 07.06.2023, Stand Oktober 2026) verteilt die Grundlagen auf Fächer, die in verschiedenen Prüfungsteilen vorkommen:
- Physiologie (90 Stunden) mit dem Haltungs- und Bewegungssystem (Nr. 3.6) sowie dem Nerven- und Sinnessystem (Nr. 3.5): schriftlich in Fächergruppe 2 (§ 5).
- Anatomie (240 Stunden) mit der Palpation der Bewegungsorgane (Nr. 2.2.2): mündlich (§ 6).
- Physikalisch-therapeutische Befundtechniken (60 Stunden, Nr. 13) und der Sicht- und Tastbefund der Klassischen Massagetherapie (Nr. 14.4): praktisch in Fächergruppe 1 (§ 7).
- Spezielle Krankheitslehre (360 Stunden) mit der Neurologie (Nr. 5.4): schriftlich und mündlich.
Im praktischen Teil verlangt § 7 Abs. 2 MB-APrV zudem eine Behandlung unter Aufsicht „nach vorheriger Befunderhebung und Behandlungsvorschlag“. Der Tonus gehört zu den Größen, die ein solcher Befund für die Muskulatur festhält.
Im Berufsalltag
Wärme, Kälte und Strom geben Masseurinnen und Masseure auch dort, wo keine Massage verordnet ist, etwa als ergänzendes Heilmittel bei Erkrankungen des Nervensystems. Bei der Kryotherapie unterscheidet die Leistungsbeschreibung nach der Dauer des Reizes: Spastische Paresen ordnet sie dem länger dauernden, schlaffe Paresen dem kurzfristigen Kältereiz zu. Ob der Tonus erhöht oder vermindert ist, prägt also die Ausführung. Diagnose und Wahl des Heilmittels liegen bei der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt. Lagerung, Technik, Dauer und Intensität passen die Behandelnden nach der Leistungsbeschreibung an die Reaktionslage der behandelten Person an; der eigene Tonusbefund gehört deshalb in die Dokumentation.