Das vegetative Nervensystem steuert Körpervorgänge, die ohne bewussten Willen ablaufen, etwa Herzschlag, Blutdruck, Verdauung und Schweißbildung. Ein anderer Name dafür ist autonomes Nervensystem. Es besteht aus zwei Anteilen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. In der Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister gehört es zum Prüfungsstoff in Anatomie und Physiologie. Zugleich liefert es das Erklärungsmodell, mit dem die Reflexzonentherapie arbeitet.
Sympathikus und Parasympathikus im Überblick
Medizinische Nachschlagewerke beschreiben die beiden Anteile als Gegenspieler. Der Sympathikus stellt den Körper auf Belastung und Notfälle ein: Das Herz schlägt schneller und kräftiger, die Atemwege weiten sich. Der Parasympathikus steht für Erhaltung und Erholung; unter seinem Einfluss schlägt das Herz langsamer. Die vegetativen Bahnen zu den Organen bestehen in der Regel aus zwei hintereinander geschalteten Nervenzellen, die in einem Nervenknoten (Ganglion) umgeschaltet werden. Als übergeordnetes Steuerzentrum gilt der Hypothalamus im Zwischenhirn.
| Merkmal | Sympathikus | Parasympathikus |
|---|---|---|
| Ursprung der ersten Nervenzelle | Seitenhorn des Brust- und oberen Lendenmarks, klassisch Th1 bis L2 | Hirnstamm (Hirnnerven III, VII, IX und X, vor allem Nervus vagus) und Kreuzbeinmark, klassisch S2 bis S4 |
| Umschaltung | Ganglien nahe der Wirbelsäule, vor allem im Grenzstrang | Ganglien nahe den Organen oder in ihrer Wand |
| Botenstoff am Organ | meist Noradrenalin, an den Schweißdrüsen Acetylcholin | Acetylcholin |
Die Tabelle gibt das klassische Lehrbuchmodell wieder. An seiner anatomischen Begründung gibt es Kritik: Eine Übersichtsarbeit von Verlinden und Kollegen (Clinical Autonomic Research, 2024) hat die Argumente für die Zweiteilung des Ausstroms aus dem Rückenmark neu geprüft. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich der Ausstrom aus Brust- und Lendenmark und der aus dem Kreuzbeinmark anatomisch nur im Ausmaß unterscheiden, nicht grundsätzlich. Nach den ausgewerteten Studien liegen erste, präganglionäre Nervenzellen auch in der Lücke zwischen den beiden klassischen Abschnitten. Die Segmentangaben sind deshalb Orientierungswerte, keine scharfen Grenzen.
Das Schaubild vergleicht Sympathikus und Parasympathikus nach Ursprung und Umschaltung im Lehrbuchmodell. Darunter zeigt es das Segmentmodell der Reflexzonentherapie: Organ und Hautzone sind über ein gemeinsames Rückenmarksegment verbunden, ein Modell und keine Wirkzusage; Lehrstoff in Nr. 15.2 der MB-APrV.
Vegetatives Nervensystem in der Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister
Die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung führt den Stoff an drei Stellen. In Anlage 1 der MB-APrV (zuletzt geändert am 07.06.2023, Stand Oktober 2026) steht das vegetative Nervensystem als eigene Nr. 2.4.5 im Fach Anatomie mit 240 Stunden. Die Funktion folgt im Fach Physiologie mit 90 Stunden unter Nr. 3.5 „Nerven- und Sinnessystem“. Angewendet wird das Wissen im Fach 15 Reflexzonentherapie mit 150 Stunden; dort nennt Nr. 15.2 die „Entstehung von Reflexzonen in Haut, Bindegewebe und Muskulatur und ihre Störungen“.
In der staatlichen Prüfung taucht das Thema mehrfach auf. Anatomie ist eines von zwei Fächern im mündlichen Teil; dort soll die Prüfung je Prüfling und Fach nicht länger als 30 Minuten dauern (§ 6 Abs. 1). Physiologie und Reflexzonentherapie gehören zur Fächergruppe 2 der schriftlichen Prüfung, deren Aufsichtsarbeit 180 Minuten dauert (§ 5 Abs. 1). Reflexzonentherapie wird zusätzlich im praktischen Teil geprüft (§ 7 Abs. 1). In Bayern, hier als Landesbeispiel, ordnet der Lehrplan von 2013 das vegetative Nervensystem dem Fach Anatomie und Physiologie zu. Für die Reflexzonentherapie führt er unter anderem „Reaktionen und Nebenwirkungen“ und den „Umgang mit Irritationen“ als Inhalte auf.
Erklärungsmodell der reflektorischen Massagen
Die Heilmittel-Richtlinie (zuletzt geändert am 15.05.2025, in Kraft seit 05.08.2025) beschreibt in § 18 Abs. 1 Grifftechniken, die über mechanische Reizwirkung ansetzen. Als Ansatzpunkte zählt sie Haut, Unterhaut, Muskeln, Sehnen und Bindegewebe auf, „einschließlich deren Nerven, Lymph- und Blutgefäße“. Für die Bindegewebsmassage sowie die Segment-, Periost- und Colonmassage nennt sie als Begründung „nervös reflektorische Wege“ und „segmentale Regulationsmechanismen“ (§ 18 Abs. 2).
Das Bindeglied in diesem Modell ist das Rückenmarksegment. Nervenfasern aus inneren Organen erreichen dieselben Segmente wie Fasern aus bestimmten Hautabschnitten, und im Brust- und Lendenmark liegen zugleich die Ursprungszellen des Sympathikus. Wie daraus Head-Zonen und Behandlungszonen abgeleitet werden, erklärt der Eintrag Reflexzonentherapie. Das Segmentmodell bleibt ein Erklärungsrahmen und ist kein Wirknachweis. Die Zonen sind von Mensch zu Mensch verschieden und ersetzen keine ärztliche Diagnose.
Vegetative Begriffe in der Leistungsbeschreibung
Ausdrücklich genannt wird das vegetative Nervensystem in der Leistungsbeschreibung zum Vertrag nach § 125 Abs. 1 SGB V (Lesefassung gültig ab 01.12.2024, Stand Oktober 2026). Die Begriffe stehen dort bei Massagen, Bädern und Wärmeanwendungen:
- Bindegewebsmassage (X0107) sowie Segment-, Periost- und Colonmassage (X0108): Therapieziel „Normalisierung des vegetativen Nervensystems“; X0108 nennt außerdem die „vegetative Dysregulation innerer Organe“ unter den Schädigungen.
- Kohlensäuregasbad (X1732 und X1733): Therapieziel ist die Verbesserung des „vegetativen Regulationsprozesses“, beim Teilbad des lokalen.
- Heiße Rolle (X1530): „Psycho-neuro-vegetative Regulationsstörungen“ stehen unter den Schädigungen.
Das sind Zielformulierungen und Einsatzgründe des Vertrags, keine Zusage über die Wirkung einer einzelnen Behandlung. Für Auszubildende zeigen sie, dass das Thema über die Massage hinaus in die Bäder- und Wärmetherapie reicht, also in das Fach 19 der MB-APrV, Hydro-, Balneo-, Thermo- und Inhalationstherapie.
Im Berufsalltag
Ein Fachbuch zur Massage-Therapie (Thieme, 2015) widmet dem vegetativen Nervensystem einen eigenen Abschnitt, unter anderem zur Rolle des Sympathikus bei der Untersuchung und zur Chronifizierung von Schmerzen. In der Praxis beginnt eine reflektorische Massage mit dem Befund; die MB-APrV führt dafür im Fach Reflexzonentherapie den Sicht- und Tastbefund als eigenen Unterpunkt (Nr. 15.3). Während der Behandlung achten Masseurinnen und Masseure auf die Reaktionen der behandelten Person. Die Leistungsbeschreibung verlangt, Dauer, Intensität und Umfang an deren Reaktionslage anzupassen.