Angewandte Physik und Biomechanik ist Fach 8 der Stundentafel für Masseurinnen und medizinische Bademeisterinnen sowie Masseure und medizinische Bademeister. Die Verordnung beschränkt es auf eine Einführung in drei Teilgebiete der Mechanik: Kinematik, Dynamik und Statik. Biomechanik heißt die Anwendung dieser Gesetze auf Bewegungsabläufe in Lebewesen. Gebraucht wird der Stoff überall dort, wo im Beruf Kräfte im Spiel sind: beim Lagern, bei Widerstandsübungen, im Bewegungsbad und beim Wasserstrahl der Unterwasserdruckstrahlmassage.
Biomechanik in Anlage 1 der MB-APrV: 20 Stunden, drei Teilgebiete
Anlage 1 der MB-APrV (zuletzt geändert am 07.06.2023, Stand Oktober 2026) setzt für Nr. 8 „Angewandte Physik und Biomechanik“ 20 der 2.230 Unterrichtsstunden an. Ebenso viele haben nur Sprache und Schrifttum (Nr. 9) sowie Prävention und Rehabilitation (Nr. 11), kein Fach hat weniger. Alle drei Unterpunkte sind als „Einführung in die Grundlagen“ formuliert. Die Beispiele in der rechten Spalte sind eine Lesehilfe dieses Glossars, keine Zuordnung der Verordnung:
| Nr. | Teilgebiet | Leitfrage | Beispiel im Lehrgang |
|---|---|---|---|
| 8.1 | Kinematik | Wie verläuft eine Bewegung in Raum und Zeit, ohne Blick auf die Kräfte? | Bewegungserziehung: Bewegungserfahrung in Bezug auf Raum, Zeit und Dynamik (Nr. 12.2) |
| 8.2 | Dynamik | Welche Kräfte lösen eine Bewegung aus oder bremsen sie? | Übungsbehandlung: Techniken der passiven und aktiven Übungsbehandlung (Nr. 17.3) |
| 8.3 | Statik | Wann bleibt ein Körper in Ruhe, weil sich die Kräfte ausgleichen? | Lagerung, etwa für die Massage in Ruhelage |
„Angewandte Physik“ meint in Nr. 8 also die Mechanik. Die physikalischen Grundlagen von Strom, Licht und Wärme stehen in den Behandlungsfächern selbst: Die Elektro-, Licht- und Strahlentherapie beginnt mit ihren physikalischen und physiologischen Grundlagen (Nr. 18.1), ebenso die Hydro-, Balneo-, Thermo- und Inhalationstherapie (Nr. 19.1).
Das Schaubild zeigt drei physikalische Größen aus dem Berufsalltag von Masseuren und medizinischen Bademeistern: den Hebel bei Widerstandsübungen der Übungsbehandlung, den Auftrieb im Bewegungsbad nach § 19 Heilmittel-Richtlinie und den Druck des Wasserstrahls der Unterwasserdruckstrahlmassage, einstellbar von 0,5 bis 4 bar. Das Fach hat im Masseur-Lehrgang 20 Stunden, in der Physiotherapie 40 Stunden.
Prüfung und Weg in die Physiotherapie
Als eigenes Prüfungsfach nennen die §§ 5 bis 7 MB-APrV die Biomechanik nicht. Berührt wird der Stoff im praktischen Teil: In Fächergruppe 2 mit Übungsbehandlung und Hydro-, Balneo-, Thermo- und Inhalationstherapie erläutern und begründen Prüflinge ihr Vorgehen fallbezogen; für jedes Fach sieht § 7 Abs. 1 als Soll-Vorgabe bis zu 20 Minuten vor.
In der Physiotherapie hat das Fach mehr Gewicht. Anlage 1 Nr. 8 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten (PhysTh-APrV) sieht 40 Stunden vor, vom Gleichgewichtssatz der Mechanik über die Gelenkkraftberechnung bis zu Biomechanik von Muskeln, Sehnen und Knochen sowie Ergonomie; geprüft wird es dort schriftlich in Fächergruppe 2 (§ 12 Abs. 1 PhysTh-APrV). Wer nach bestandener Masseur-Prüfung die auf 18 Monate verkürzte Physiotherapieausbildung beginnt (§ 12 Abs. 1 Satz 1 und 2 MPhG), hat das Fach noch einmal mit 20 Stunden (Anlage 2 Nr. 2 PhysTh-APrV). In der staatlichen Ergänzungsprüfung bildet es dann mit Trainingslehre und Bewegungslehre eine Fächergruppe, für die eine Aufsichtsarbeit von 90 Minuten vorgesehen ist (§ 15 Abs. 1 Nr. 1 PhysTh-APrV). Im auf zwölf Monate verkürzten Lehrgang nach mindestens fünf Jahren Berufstätigkeit (§ 12 Abs. 1 Satz 3 MPhG, Anlage 3 PhysTh-APrV) kommt es nicht vor. Mehr dazu unter Weiterqualifizierung zum Physiotherapeuten.
Ein Landesbeispiel ist Bayern: Die Stundentafel führt kein eigenes Fach dafür (Anlage 10 der Berufsfachschulordnung Gesundheitswesen, Text gültig ab 01.08.2026). Der Lehrplan von 2013 nennt „Aspekte der Biomechanik zum ökonomischen Einsatz des Bewegungs- und Stützapparates“ im Fach Anatomie und Physiologie und „hydrostatische/hydrodynamische Effekte“ in der Hydro-, Balneo-, Thermo- und Inhalationstherapie.
Im Berufsalltag: Hebel, Auftrieb, Druck und Gleichgewicht
- Hebel: Die Leistungsbeschreibung zur Übungsbehandlung nennt Widerstandsübungen (X0301). Ein Widerstand, der an einem Körperteil angreift, erzeugt am Gelenk ein Drehmoment, also Kraft mal Hebelarm, den senkrechten Abstand der Kraftrichtung zur Gelenkachse. Greift derselbe Widerstand weiter vom Gelenk entfernt an, wird das Drehmoment größer. Im Gleichgewicht sind links- und rechtsdrehende Drehmomente gleich groß.
- Auftrieb: Wasser trägt einen eingetauchten Körper mit einer Kraft, die dem Gewicht der verdrängten Wassermenge entspricht (archimedisches Prinzip). Die Heilmittel-Richtlinie (zuletzt geändert am 15.05.2025, in Kraft seit 05.08.2025) nennt den Auftrieb bei der Übungsbehandlung im Bewegungsbad (§ 19 Abs. 3 Nr. 1 Buchstabe b) und bei der Unterwasserdruckstrahlmassage (§ 18 Abs. 2 Nr. 6).
- Druck: Druck ist Kraft je Fläche. Bei der Unterwasserdruckstrahlmassage ist der Wasserstrahl laut Leistungsbeschreibung zwischen 0,5 und 4 bar einstellbar (X0102, Lesefassung gültig ab 01.12.2024). Auch die Massage beschreibt die Richtlinie mechanisch: Ihre Grifftechniken setzen „über mechanische Reizwirkung“ an Haut, Unterhaut, Muskeln, Sehnen und Bindegewebe an (§ 18 Abs. 1 Satz 2).
- Gleichgewicht: Massagetherapie ist nach § 18 Abs. 1 HeilM-RL eine Maßnahme in Ruhelage. Statisch bedeutet das: Der Körper bleibt liegen, solange sich seine Gewichtskraft und die Stützkräfte von Liege und Polstern aufheben.